COMYO IN EUROPA
Yamazaki Bennei war ein religiöser Mensch des 19. Jahrhunderts, was man bei der Lektüre seiner Texte immer im Hinterkopf behalten sollte.
Gleichzeitig war er auf einzigartige Weise seiner Zeit voraus, denn er setzte die jodo-buddhistische Lehre in einen größeren, ja den größtmöglichen Kontext: das gesamte Universum jenseits von zeitlichen und räumlichen Eingrenzungen.
Während er einerseits die wissenschaftlich nachgewiesenen Naturgesetze und physikalischen Grundlagen unseres Kosmos auf der materiellen Ebene, der „Welt der Natur“, als eine zu verehrende Kraft mit dem Namen Amida („das nicht gemessene“/“nicht messbare“) betrachtet, geht er noch darüber hinaus und schreibt der gleichen Kraft auch eine Wirkung in der spirituellen Welt, der geistigen Ebene, zu. Sie verleiht dem Universum durch die Naturgesetze nicht nur eine materiell-physikalische Ordnung und Weisheit, sondern auch die spirituelle Macht des Mitgefühls, durch die wir über das Erreichen einer inneren Gelassenheit und eines ethisch guten Verhaltens wieder in Einklang mit dem Universum geraten können – wenn wir uns ihr aktiv zuwenden.
Aus einer sehr religiös-spirituellen Perspektive heraus zeigt Yamazaki einen buddhistisch geprägten Weg auf, wie wir nicht nur unsere innere Ruhe und Gelassenheit finden, sondern in einer weiteren Stufe auch zu ethisch gutem, rationalem Verhalten finden können. Dabei sieht er diese unsere Welt als einen „Übungsort“, von dem aus wir nach erfolgreicher Absolvierung der Übungen die in uns schlummernde „Buddha-Natur“ erwecken können und zu unserem wahren Selbst als Teil des großen Universums heimkehren können. Wenn wir dies noch in diesem menschlichen Leben schaffen, dann leben wir bei allen weiterbestehenden physischen Zwängen „ein Leben im Licht Amida Buddhas“.
Yamazaki schreibt – natürlich – aus der Sichtweise seiner eigenen japanischen Kultur und Denkweise heraus. Dennoch ist seine Philosophie universell, denn er respektiert und schätzt nicht nur geistige Persönlichkeiten aus anderen Kulturen wie Sokrates, Mohammed, Zhi Yi oder Jesus, sondern hat auch ein universelles Verständnis von einem ethisch guten Verhalten, wenn er z.B. neben seinen buddhistischen Lehrreden auch Passagen über Nächstenliebe aus der Bibel vorträgt.
Hier können wir etwa auch Schnittmengen mit europäischen Moralvorstellungen wie dem kategorischen Imperativ finden, wenn auch aus einer anderen Motivation heraus.
Man kann die Kômyô-Lehre Yamazaki Benneis daher als eine „rationale Spiritualität“ auffassen, die nichts mit unserem bisherigen Verständnis von Religion oder gar mit Esoterik zu tun hat.
Wie Yamazaki im „Anjin Mondô“ erklärt, geht seine Kômyô-Lehre über die beiden Zeiten der Gegenwart im Diesseits und der Zukunft im Jenseits hinaus und bezieht sich auf eine dritte Zeitebene: wir sind in der Ewigkeit zuhause. Wir waren, sind und bleiben ein Teil des Universums und damit ein Teil Amidas, egal in welcher Form. Niemand geht verloren.
Fügt man Yamazakis Erläuterung der Zwölf Lichtmanifestationen Amida Buddhas noch eine moderne Erklärung aus europäischer Sicht hinzu, könnte sie wie folgt aussehen:
Das Unermessliche Licht
Wir erkennen, dass wir nicht nur physisch, sondern auch spirituell ein Teil des gesamten Universums sind, das wir mit unseren menschlichen Sinnen nicht vollständig „messen“ können. Wenn wir nach vollständigem Wissen streben, müssen wir geistig über unsere bisherige menschliche Existenz hinausgehen.
Ein Beispiel aus unserer bisherigen Evolution ist die Entdeckung des Feuers. Der Gehirnforscher Dr. Dr. Damir del Monte bringt es in seinem gerade erschienenen Buch „Ein Date mit Deinem Gehirn“ auf den Punkt: „Das menschliche Gehirn ist nicht gewachsen, weil wir aufrecht gehen, sondern weil jemand irgendwann gefragt hat: ‚Was passiert eigentlich, wenn wir das Mammut ins Feuer legen?‘“.
Das Grenzenlose Licht
Wir erkennen, dass die Weisheit der Naturgesetze und das universelle Mitgefühl sich grenzenlos auf jedes Wesen beziehen. Unabhängig von unseren Fähigkeiten oder Eigenschaften wie Alter, Aussehen, Geschlecht, Nationalität, Größe, sexueller Orientierung, Bildung, Intelligenz usw. sind wir alle den Naturgesetzen unterworfen. Gleichzeitig haben wir alle die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu einem „Leben im Licht“ durch die Nenbutsu-Rezitation, die aktive Zuwendung zum Leben im Großen Universum.
Da das Universum unser Zuhause ist und die physikalischen und geistigen Gesetze der Natur das Objekt unserer Zuflucht sind, spielen Grenzen von Nationen, Religionen, Abstammung, Fähigkeiten oder anderer Kategorien keine Rolle. Das ist die „Gleichheit“ (jap. „byôdô“) im jodo-buddhistischen Sinne.
Das Ungehinderte Licht
Wenn wir uns Amida Buddhas Kraft aktiv zuwenden und aus Mitgefühl handeln, können alle Wesen zu einer inneren Ruhe und Freude finden. Durch den Ruf von Amidas Namen stellen wir eine Verbindung her, über die Amidas Licht ungehindert zu uns vordringen kann.
Das Unvergleichliche Licht
Wenn wir einen ruhigen Geist entwickelt haben, den nichts mehr erschüttern kann, und wirklich erkannt haben, worauf es in dieser Welt wirklich ankommt – Mitgefühl und Liebe – dann durchlaufen wir eine Art Metamorphose, die man sich im Jodo-Buddhismus bildlich als „Geburt ins Reine Land“ vorstellt: nach der Abholung durch Amida Buddha erwachen wir im Reinen Land aus einer Lotusblüte, die sich öffnet, und sehen die Welt mit anderen Augen. Ein Gefühl und eine Sicht, die mit nichts zu vergleichen ist, was wir bisher erfahren haben.
Das Licht der majestätischen Flammen
Gleichzeitig mit unserem „Erwachen“ werden alle ethisch falschen Taten, Leidenschaften und bösen Emotionen wie Gier, Zorn oder Ignoranz wie vom Feuer zerstört und ausgelöscht. Wir können also ein neues Leben ohne die Belastungen der Vergangenheit beginnen.
Das Licht der Reinheit
Nach der „Säuberung“ durch das Feuer und der Zerstörung aller schlechten Gefühle und Handlungen klären sich unsere Fünf Sinne: wir lassen uns nicht mehr von unangenehmen Anblicken, Geräuschen und Stimmen, Gerüchen, Geschmäckern oder Berührungen aus dem Gleichgewicht bringen.
Das freudvolle Licht
Gleichzeitig mit unseren Fünf Sinnen werden auch unsere Gefühle klarer; wir empfinden eine ausgeglichene innere Freude und Gelassenheit.
Das Licht der Weisheit
Obwohl wir Menschen von heute uns so viel Wissen angeeignet haben, gibt es auf der Welt immer noch Kriege, Hass, Gewalt und anderes Leid. Wir leben in dieser Hinsicht immer noch „im Dunkeln“ unseres Menschseins. Wenn wir durch unsere aktive Hinwendung zu Amida von Buddhas Licht der Weisheit, die über unser menschliches Wissen hinausgeht, erfüllt werden und die physikalischen und spirituellen Naturgesetze richtig verstehen, werden wir sozusagen auf geistiger Ebene „über-menschlich“. Dies wiederum resultiert in grenzenlosem Mitgefühl und Liebe.
Das Unaufhörliche Licht
Wir erkennen, dass wir über dieses Leben und die nahe Zukunft danach hinausdenken müssen. Nachdem wir unseren inneren Frieden erlangt haben, streben wir durch permanente, unaufhörliche Praxis danach, bessere, ständig ethisch handelnde Personen zu werden. Dieses Gelübde gilt für die Ewigkeit, also über Diesseits und Jenseits hinaus. Amidas Licht erfüllt uns ohne Unterlass.
Das Unvorstellbare Licht
Wenn wir noch am Anfang unseres Glaubens stehen und öfter von Zweifeln erfüllt sind, ist Amidas Licht für uns noch unvorstellbar. Daher sollten wir kontinuierlich weiter das Nenbutsu praktizieren und, wie von Hônen Shônin vorgegeben, die Dreifache Herzenseinstellung und die Fünf Übungsweisen vertiefen.
Das Unbeschreibliche Licht
Die Entfaltung unserer „Buddha-Natur“, unser Erwachen, kann man nicht theoretisch beschreiben – man muss sie am eigenen Leib erfahren. Wenn sich unser Glauben durch die Dreifache Herzenseinstellung und die Fünf Übungsweisen so vertieft hat, dass wir uns als von Amida Buddha erfüllt empfinden, dann haben wir diese nächste Stufe erreicht.
Das Sonne und Mond überstrahlende Licht
Wir sind schließlich zu Bodhisattvas geworden und haben Weisheit und Mitgefühl des Universums in Worten, Taten und Gedanken praktisch umgesetzt.
Den oben beschriebenen geistigen Prozess der Zwölf Lichtmanifestationen kann man durch verschiedene Übungen voranbringen: allen voran natürlich die einfache Anrufung von Amidas Namen („Namu Amida Butsu“ / „Ich nehme Zuflucht zu Amida Buddha“), durch Kontemplation und Meditation, durch die Lektüre philosophischer und wissenschaftlicher Texte und Forschungsarbeiten, aber auch durch körperliche Übungen, um als Grundlage unsere innere Mitte und damit ein geistig-körperliches Gleichgewicht zu finden.
Zum Schluss noch ein Zitat von Sasamoto Kaijô aus seinem Aufsatz „Abriss der Kômyô-Lehre“:
„Das Ideal der Kômyô-Lehre ist ein „Leben im Licht“ (jap. kômyô seikatsu). Wenn man aus ganzem Herzen das Nenbutsu spricht, empfangen wir das Licht Amida Buddhas in unserem Herzen/Geist, auf Japanisch „Aneignung des Lichtes“ (kômyô kakutoku). Wenn wir so das Licht Buddhas in unserem Herzen empfangen und aufnehmen, spricht man von „shinjin gôitsu“, der „Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem“. Im Buddhismus der alten Zeit sprach man von „Übereinstimmung mit der Inkarnation Buddhas“ (seibutsu itchi), „Unterschiedslosigkeit des Verstands“ (richi funi) oder Nenbutsu-Versenkung (nenbutsu sanmai).
Das Licht Buddhas (kômyô) gleicht weder dem Licht einer Lampe noch einer Kerze noch der Sonne, sondern man kann es mit den Augen nicht sehen. Aber uns Nenbutsu-Praktizierende berührt es im Herzen. Wenn es zum Beispiel kalt ist und wir an einem Feuer stehen, dann durchdringt die Wärme des Feuers unseren Körper und wärmt uns auch selbst innerlich. Hierfür hat Yamazaki Bennei oft das Beispiel von dem Stück Kohle und dem Feuer erwähnt. Wenn man ein Stück Kohle entzündet, dann springt das Feuer faktisch auf die Kohle über. Aber wenn das Feuer sich auf die Kohle überträgt, dann werden Kohle und Feuer vollständig eins, und die Kohle ist nicht mehr die Kohle von vorher. Sie hat sich verändert. Wenn man aber Kohle und Feuer voneinander getrennt hält, dann bleibt die Kohle immer Kohle und das Feuer bleibt immer das gleiche Feuer. Vergleicht man dies mit Amida, so ist sein Licht des Mitgefühls wie die rote Hitze des Feuers und unser Bonbu-Herz so pechschwarz wie die Kohle. Bleibt beides voneinander getrennt, dann bleibt die Kohle immer die gleiche Kohle, aber das Licht von Amidas Mitgefühl empfangen und aus ganzem Herzen Amidas Namen mit dem Nenbutsu rufen, ist es so, als führen wir unser „Stück Kohle“ ganz dicht an das Feuer heran. In diesem Moment springt das warme, angenehme Feuer des Mitgefühls auf unser unschönes, gefühlloses, zu Pessimismus neigendes Herz über. Das heißt, der edle Geist Amidas überträgt sich auf uns und wird zu unserem eigenen Herzen, und so finden wir zu einem erhellten, warmen, angenehmen Gemüt. In dieser Weise ist das Leben, dass wir durch die aus ganzem Herzen erfolgte Nenbutsu-Rezitation erhalten, das Leben im Licht. Demgegenüber stellt sich unser bisheriges Leben seit der Geburt als ein Leben in der Dunkelheit dar. Denn weil unser Herz noch im Dunkeln ist, verstehen wir die Wahrheiten des Universums und den wahren Sinn des Lebens nicht. Wir führen einfach nur das von unseren Ahnen an uns weitergegebene Leben mit ihren fleischlichen Begierden und unseren eigenen Sehnsüchten so weiter. Da wir einen materiellen Körper haben, werden wir zu Sklaven unserer Leidenschaften, und da wir egoistische Begierden haben, zu Dienern von Ruhm und Reichtum. Bei Wahlen geben die Menschen, die gewählt werden möchten, oft Zeugnis von ihren niedrigen Motiven, wenn sie normalerweise auf andere von oben herabsehen und dann plötzlich sich anbiedernd vor den Menschen den Kopf verbeugen und sich einschmeicheln wollen.
Wenn wir mitbekommen, dass andere über uns lästern, steigt der Zorn in uns auf, wir schlagen zu oder fangen einen Streit an. Oder wir neigen zum Beispiel dazu, die Welt zu verfluchen, neidisch zu werden oder Versuchungen nachzugeben. Es ist wirklich so, dass wir zwar von der Krone der Schöpfung sprechen, aber tatsächlich tragen wir eine Seite von grenzenloser höchster Niedertracht und Unvollkommenheit in uns.
Aber wenn wir durch die Nenbutsu-Rezitation vollständig vom Licht Amidas erfüllt werden, wenn also unser Leben im Licht beginnt, dann begreifen wir zum ersten Mal den wahren Sinn unseres Lebens, erfahren wahrhaftigen Frieden und beginnen ein Leben auf dem unbegrenzten Buddhaweg.“
(aus: 「光明主義綱要」、笹本戒浄、in: 「光明へのすすみ」、
光明会本部教学部(平成15年):S. 18ff.)
Aus dem Japanischen übersetzt von Kônen Büttgen.




